In einer dreiteiligen Serie habe ich analysiert, wie Marburg die Chancen seiner Pharma-Industrie verspielt hat (Teil 1, Teil 2, Teil 3). Ein aktueller FAZ-Artikel liefert nun neues Material – und einen Kommentar, dem ich widersprechen muss.

Die FAZ hat am 13.02.26 in dem lesenswerten Artikel Was von den Biontech-Millionen übrig ist über den Marburger Spezialfonds veröffentlicht – jenen Topf, in den die Stadt 350 Millionen Euro aus den Biontech-Gewerbesteuerjahren gesteckt hat.
Die Botschaft des begleitenden Kommentars Marburger Kapitalisten: Alles nicht so schlimm. Ja, mindestens 1.000 Stellen fallen auf dem Pharma-Campus weg – bei CSL Innovation, CSL Behring, Biontech und Nexelis. Aber die Stadtkasse? Die könnte sogar profitieren, weil forschende Betriebe ohnehin kaum Gewerbesteuer zahlen und CSL Behring nach der Restrukturierung profitabler werden dürfte.
Ich halte diese Lesart für gefährlich falsch. Sie geht nur auf, wenn man ausschließlich auf die nächste Steuerabrechnung schaut.
Produktion ist austauschbar. Forschung nicht.
Wenn CSL Innovation schließt, Nexelis seinen Forschungsstandort aufgibt und Biontech die Produktion runterfährt, bleibt auf dem Campus vor allem eines: Produktion. Und Produktion lässt sich nach Singapur oder Irland verlagern. Ein Forschungsteam mit gewachsenen Netzwerken zur Philipps-Universität dagegen nicht.
Forschung schafft die Bindung, die einen Standort innerhalb eines Konzerns sichtbarer, wichtiger macht. Ohne sie wird Marburg in der Konzernhierarchie zum reinen Produktionsstandort – und damit in der nächsten Sparrunde zum ersten Kandidaten für Verlagerung. Das ist keine Spekulation, das ist heutzutage "normale" Standortlogik.
Kein Magnet mehr
Was hat andere Unternehmen historisch nach Marburg gezogen? Die Behringwerke-Tradition, das Forschungsökosystem, Synergien mit benachbarten Firmen. Dieser Magnet verliert seine Kraft, wenn qualifizierte Wissenschaftler abwandern, weil es keine Forschungsstellen mehr gibt. Kein Biotech-Startup siedelt sich an, weil eine gut laufende Abfüllanlage in der Nähe steht. Startups brauchen ein Umfeld, in dem Ideen entstehen und Synergie-Effekte möglich sind. Ein Campus ohne Forschung bietet das nicht.
Die falsche Frage
Die Frage ist nicht, ob die nächste Gewerbesteuerabrechnung noch halbwegs passabel ausfällt.
Die Frage ist, ob Marburg in zehn Jahren noch ein Pharma-Standort ist, der diesen Namen verdient. Die Antwort darauf entscheidet sich jetzt.
Und sie lautet nicht: Alles nicht so schlimm.