In meinem vorhergehenden Artikel ging es darum, wie Bärbel Bas am Wahlabend in Rheinland-Pfalz eine Niederlage eingesteht, ohne die eigene Politik in Frage zu stellen. Dasselbe Muster findet sich auch bei SPD-Vertretern im heimischen Raum mit denselben Lücken.

Was auf Bundesebene passiert läßt sich auch auf Kreis- und Landesebene beobachten. In den Tagen nach der hessischen Kommunalwahl vom 15. März 2026 melden sich SPD-Vertreter öffentlich zu Wort. Zwei Beispiele:

Sören Bartol, Landesvorsitzender der SPD Hessen

Sören Bartol wird in der Sendung Kommunalwahlen in Hessen 2026 live zugeschaltet. Die Moderatorin fragt direkt: „Sagen Sie doch mal konkret, wie bringen Sie einen, der dieses Mal AfD gewählt hat, dazu, beim nächsten Mal SPD zu wählen?"

Bartols Antwort:

„Ich glaube, wir müssen den Menschen wieder viel mehr zeigen, dass wir die Richtigen sind, die ihre Probleme lösen, die auch ihre Ängste erkennen, die ihre Ängste auch ernst nehmen [...] Die SPD muss zeigen, dass sie für die Menschen da ist, für soziale Gerechtigkeit auch steht, dass sie für das Aufstiegsversprechen steht, dass sie für gute Bildung steht."

HR, 16.03.26: Kommunalwahlen in Hessen 2026

Die Antwort richtet sich nicht an den AfD-Wähler. Sie richtet sich an die Partei. Bartol redet über AfD-Wähler – nicht mit ihnen. „Wir müssen zeigen", „die SPD muss zeigen": Das ist ein Appell, kein Gesprächsangebot.

Bemerkenswert ist auch, was am Rand passiert: Die Moderatorin muss Bartol zweimal unterbrechen, weil er mitten in der Niederlageanalyse Erfolge aufzählt – Baunatal, Hanau, der allgemeine Aufwärtstrend.
Beim zweiten Mal sagt sie direkt: „Wenn Sie all diese Erfolge aufzählen, reden Sie sich das nicht schön."
Bartols Antwort: „Ich rede mir gar nicht schön."

Georg Simonsky, SPD-Fraktionsvorsitzender Landkreis Marburg-Biedenkopf

Georg Simonsky benennt in seinem Beitrag auf Facebook die Verluste – sechs Mandate –, nennt Erfolge der vergangenen Jahre (das gerettete Krankenhaus, Busverbindungen, Löschwasserversorgung) und schreibt: „Trotzdem hat es nicht gereicht."

Dann kommt der Abschnitt, der am meisten verrät:

„Wir leben in einer Welt voller Krisen – Krieg in Europa, eine gefährdete Demokratie in den USA, eskalierende Konflikte im Nahen Osten. All das wirkt bis in unseren Alltag hinein. Das muss man verstehen und vielleicht auch wieder ein wenig Wertschätzung für die Art des Lebensalltag entwickeln, wie wir ihn haben."

Facebook, 20.03.26: Und ja – dieses Ergebnis schmerzt.

Der Fraktionsvorsitzende erklärt dem Wähler nach einer Niederlage, dass er dankbarer sein sollte. Das ist keine Demut – das Wort benutzt Simonsky an anderer Stelle ausdrücklich. Das ist verkleidete Belehrung. Wer nach dem Wahlabend damit beginnt, dem Wähler die Weltlage zu erklären, hat die eigene Niederlage nicht wirklich verstanden.

Simonsky endet mit einem Appell ohne Konsequenz: neues Grundsatzprogramm, Ideen nicht kleindenken, Kompromisse nicht vorwegnehmen. ZUSAMMEN, in Großbuchstaben.

Was fehlt: Führungsverantwortung statt Parteiappell

Es ist aufschlussreich, die Aussagen gegen einen anderen Maßstab zu halten. Ein mittelständischer Unternehmer, dessen Quartalsbericht sechs verlorene Aufträge zeigt, würde nicht mit einem Appell antworten. Er würde Ursachen benennen, Maßnahmen definieren und Verantwortung übernehmen. Wer stattdessen die Weltlage erklärt und Dankbarkeit einfordert, verliert das Vertrauen seiner Stakeholder – und am Ende seinen Job.

In der Parteipolitik gelten offenbar andere Regeln. Der Schmerz wird eingestanden, die Ursachen werden externalisiert, der Appell ersetzt die Analyse.

Das funktioniert vielleicht nach innen – die Mitglieder fühlen sich gesehen, die Partei bleibt zusammen. Nach außen, zu den Wählern, die gegangen sind, wirkt es wie Bestätigung: Wer uns nicht mehr wählt, hat uns nicht verstanden.

Die Frage, die niemand stellt

Die eigentliche Frage stellt keiner von ihnen: Warum wählt jemand eine Partei aus Protest – statt einer Partei, die in seiner Region ein Krankenhaus gerettet hat?

Die Antwort auf diese Frage wäre unbequem. Sie würde bedeuten, dass das Problem nicht die AfD ist, nicht der Bundestrend und nicht die Weltlage. Sondern dass ein Teil der Wähler das Gefühl hat, von der SPD nicht mehr vertreten zu werden – und dass dieses Gefühl durch fünf Jahre gute Kommunalarbeit allein nicht korrigiert werden kann.

Was es braucht: Haltung, nicht Kommunikation

SPD Der Unterschied ist entscheidend. Kommunikation bedeutet: Wir haben die richtigen Antworten, wir müssen sie nur besser erklären. Das ist der Reflex aller SPD-Repräsentanten – mehr zeigen, mehr zuhören, besser kämpfen.

Haltung bedeutet etwas anderes: akzeptieren, dass der Wähler, der AfD gewählt hat, kein Signal der Irrationalität sendet, sondern eines der Enttäuschung.

Das hätte drei Konsequenzen.

Erstens: den Wähler nicht kategorisieren. Wer aus Wut oder Frustration AfD wählt, wie Bartol selbst sagt, sendet eine Botschaft. Diese Botschaft ernst nehmen bedeutet nicht, AfD-Positionen zu übernehmen. Es bedeutet, die Enttäuschung als legitim anzuerkennen – bevor man antwortet.

Zweitens: keine Stellvertreterdebatten. Der wiederkehrende Ruf nach einem AfD-Verbotsverfahren ist das Gegenteil einer Haltungsänderung. Er signalisiert dem enttäuschten Wähler: Das Problem bist du – nicht wir.

Drittens: Fehler benennen, nicht umdefinieren. Die verlorenen Wahlen der letzten Monate sind ein Befund, der Ursachen hat. Wer diese Ursachen nicht benennt, kann sie nicht beheben.

Ein neues Grundsatzprogramm wird daran nichts ändern. Eine andere Haltung schon – wenn sie ehrlich ist.