Die Kommunalwahl 2026 hat ein klares Ergebnis produziert: Die CDU ist mit 14 Sitzen stärkste Kraft im neuen Stadtparlament. Wer jetzt reflexartig nach Wegen sucht, dieses Ergebnis durch taktisches Bündnisschmieden zu neutralisieren, hat das Prinzip demokratischer Wahl nicht verstanden – oder er versteht es sehr gut und ignoriert es trotzdem.

In Teilen der SPD gibt es offenbar Überlegungen, eine Mehrheit links der CDU zu organisieren, die den Wahlsieger aus der Regierung hält. Klimaliste, Linke, Grüne – rechnerisch möglich (vgl. OP vom 31.03.2026 - Jetzt beginnt der Koalitionspoker).

Aber ein Bündnis, das sich über einen gemeinsamen Feind definiert, löst keine Probleme. Es verschiebt sie. Solange der Feind draußen bleibt, hält die Koalition. Sobald eine echte Entscheidung ansteht – eine, bei der Sparen und nicht Gestalten auf der Tagesordnung steht – bricht die gemeinsame Abgrenzung als Kitt weg.

Mindestens 42 Millionen Euro lassen sich nicht wegkoalieren

Marburgs strukturelles Haushaltsdefizit liegt bei 42 bis 44 Millionen Euro pro Jahr:

„Die Aussichten für die Haushalte in den kommenden Jahren sind nicht besser: Laut mittelfristiger Finanzplanung kann die Stadt ihre Aufwendungen nicht mehr mit den Erträgen bezahlen. Ab 2027 klafft eine Lücke von 42 bis 44 Millionen Euro pro Jahr. Es droht ein strukturelles Defizit."

Stadt Marburg: Fragen und Antworten zur Haushalts-Konsolidierung

Steuern wurden erhöht, Gebühren auch – und trotzdem klafft die Lücke. Wer jetzt glaubt, eine neue Koalition werde das mit frischem politischen Willen schließen, sollte sich die Wahlprogramme noch einmal ansehen: CDU, FDP, Grüne und SPD haben alle weitere Steuererhöhungen ausgeschlossen.

Das ist kein Versehen. Das ist ein Versprechen, das sich mit der Haushaltslage nicht vereinbaren lässt.

Die künftige Koalition wird also sparen müssen – und zwar an Stellen, die wehtun. Sie wird das ihrer Basis erklären müssen, bevor die nächste Wahl Entlastung verspricht.

Wer das nicht bereit ist zu tun, sollte jetzt sagen, woher die 42 bis 44 Millionen kommen sollen.

Was eine Koalition tragen muss

Eine CDU-geführte Koalition wird nur dann funktionieren, wenn der Koalitionsvertrag kein Kompromissdokument zwischen Wahlprogrammen wird – sondern ein Problemlösungsplan mit messbaren Zielen und dem gemeinsamen Bekenntnis, unbequeme Entscheidungen auch dann zu treffen, wenn sie in der eigenen Basis unpopulär sind. Das gilt für alle Beteiligten, die CDU eingeschlossen.

Das ist keine selbstverständliche Forderung. In der deutschen Kommunalpolitik ist das Gegenteil die Norm: Koalitionsverträge als Sammelwerk von Einzelversprechen, die sich gegenseitig neutralisieren.

Ein Bündnis für die Stadt – nicht gegen die CDU

Den Grünen kommt in diesem Prozess eine besondere Verantwortung zu. Sie sind mit 11 Mandaten die zweitstärkste Kraft. Sie haben die Wahl verloren – aber sie sind nicht marginalisiert. Als Teil einer CDU-geführten Koalition könnten sie Sachpolitik gestalten. Als Juniorpartner eines Anti-CDU-Bündnisses wären sie Statisten einer Machtarithmetik, die scheitern wird, sobald es ernst wird.

Wer in eine Stadtregierung eintritt, trägt Verantwortung für das Ergebnis. Nicht für die Absicht. Nicht für das Wahlprogramm. Für das, was am Ende fünf Jahre später tatsächlich besser oder schlechter ist.

Fazit

Marburg steht vor einer einfachen Frage, die schwer zu beantworten ist: Sind die Parteien bereit, Verantwortung für die Stadt zu übernehmen – oder verwalten sie lieber ihre eigene Unzufriedenheit?

Ein Bündnis gegen die CDU ist eine Antwort auf diese Frage. Aber es ist die falsche.

Die richtige Antwort beginnt damit, das Wahlergebnis zu akzeptieren und dann gemeinsam zu fragen: Wie lösen wir die Probleme dieser Stadt in den nächsten fünf Jahren?

Alles andere ist Taktik auf Kosten der Bürgerinnen und Bürger.