Vor einigen Tagen habe ich einen Artikel über den Mohr von Biedenkopf veröffentlicht. Kein Meinungsbeitrag — sondern eine Spurensuche. Die Reaktionen auf den Artikel waren lehrreich. Nicht wegen der inhaltlichen Gegenargumente — die sind selbstredent willkommen. Sondern wegen der Reaktionen, die ohne inhaltliche Auseinandersetzung auskamen. Die Botschaft war immer dieselbe: Wer den Mohr verteidigt, steht auf der falschen Seite. Punkt. Weiteres Nachdenken unnötig.

Genau das ist das Thema dieses Artikels.

Dabei geht es nicht um Meinungsverschiedenheit. Die ist in einer Demokratie nicht nur legitim, sondern notwendig. Es geht um etwas anderes: ein Ungleichgewicht im öffentlichen Diskurs, welches eine Seite der Debatte gegen Kritik immunisiert.

Wer für Minderheiten spricht, braucht keine Belege. Die moralische Position ersetzt die Argumentation. Wer nachfragt, macht sich verdächtig. Wer Quellen verlangt, wird als jemand eingeordnet, dem das Ergebnis nicht passt - nicht als jemand, dem die Methode wichtig ist.

Das ist kein Zufall. Es ist ein Mechanismus.

Wie dieses Ungleichgewicht entsteht

In der Wissenschaft spricht man von Hypermoralisierung: Gesellschaftliche Fragen werden nicht mehr pragmatisch verhandelt, sondern in moralische Kategorien übersetzt. Gut gegen Böse. Fortschritt gegen Rückschritt. Aufgeklärt gegen ewiggestrig.

Wer einmal auf der richtigen Seite steht, muss nicht mehr nachdenken - die Position schützt ihn. Wer auf der falschen Seite steht, muss sich zunächst moralisch rehabilitieren, bevor sein Argument überhaupt gehört wird, wenn es denn überhaupt gehört wird.

Im Fall des Biedenkopfer Mohren läuft das so: Der Hessische Rundfunk setzt eine Ursprungstheorie in die Welt — der Mohr knüpfe an schwarze Hausdiener an deutschen Adelshöfen an, Menschen, die im 18. Jahrhundert oft versklavt wurden. Belege: keine. Quelle: keine. Ein einziges unbelegtes „vermutlich" trägt das gesamte Gewicht einer Behauptung, die, wenn sie stimmt, die bedeutsamste Aussage der gesamten Debatte wäre.

Ein ähnliches Muster zeigte sich in einer Podcast-Diskussion, die ich selbst geführt habe. Als ich nach dem historischen Beleg für die Rassismusthese fragte, kam die Antwort: „Ich habe jetzt noch keine Ahnung, ob ich es belegen kann. Es ist mir eigentlich auch ziemlich egal." Nicht böswillig — aber bezeichnend. Wer auf der richtigen Seite steht, braucht keine Belege.

Was dabei verloren geht

Erstens die Qualität der Argumente. Wer nicht widerlegt werden muss, braucht keine präzisen Argumente. Das ist keine Bosheit, sondern Logik: Ohne Widerspruch gibt es keinen Anreiz zur Genauigkeit. Die unbelegte Hausdiener-Theorie des HR ist das Paradebeispiel — sie funktioniert als historische Einordnung, weil niemand auf der richtigen Seite sich verpflichtet fühlt, sie zu überprüfen.

Zweitens die bürgerliche Mitte. Wer Heimatliebe und Tradition pauschal als rechts deklariert, erzeugt genau das, was er bekämpfen will. Menschen, die den Grenzgang seit Generationen feiern, die schwarze Backe stolz tragen und den Mohr als Glückssymbol kennen — keine Ideologen, keine Extremisten — werden in eine Ecke gedrängt, in der sie nicht hingehören. Und wer lange genug in eine Ecke gedrängt wird, sucht sich irgendwann Gesellschaft dort.

Drittens das Vertrauen in den Diskurs selbst. Wenn das Ergebnis einer Debatte feststeht, bevor sie begonnen hat, hört die Mehrheit irgendwann auf zuzuhören. Nicht aus Sturheit — sondern weil sie erkannt hat, dass Zuhören gar nichts bringt.

Die eigentliche Frage

Der Schutz von Minderheiten im Grundgesetz soll verhindern, dass der Staat Menschen ungerecht behandelt. Er ist nicht dazu da, uns vor Dingen zu schützen, die wir persönlich unangenehm finden. Wenn wir verlangen, dass jede Tradition verschwinden muss, bloß weil sich jemand dabei unwohl fühlt, verdrehen wir den Sinn unserer Verfassung.

Ab wann schlägt berechtigter Schutz in Bevormundung um? Diese Frage darf gestellt werden. Ohne dass derjenige, der sie stellt, sich zunächst moralisch reinwaschen muss.

Schluss

Der moralisierende Zeigefinger ist kein Argument. Er ist die Verweigerung eines Arguments — die bequemste Art, sich dem Nachdenken zu entziehen. Und wer nicht mehr nachdenkt, weil er auf der richtigen Seite steht, ist nicht Teil der Lösung.

Er ist Teil des Problems.