Marburg hat seit sechs Monaten keine Mehrheit und keinen Haushalt 2027. Am Freitag stimmt die Stadtverordnetenversammlung trotzdem über das Ende eines Volksfests ab. Der Antrag spricht von Böden, Starkregen und Hochwasser. Die Menschen, für die das Fest stattfindet, kommen darin kaum vor.

Der Antrag VO/3356/2026 der Grünen steht als Punkt 32.1 auf der Tagesordnung vom 25. September. Der Magistrat soll das Hafenfest ab 2027 nicht mehr auf den Lahnwiesen genehmigen und mit den Veranstaltern einen „geeigneten alternativen innenstadtnahen Standort“ finden. Außerdem soll die Nutzung der Lahnauen für große Veranstaltungen generell „deutlich reduziert“ werden. Gegen das Fest selbst, betont der Antrag, richte er sich nicht.

Die Suche ist längst beendet

Diesen Standort gibt es nicht. Die Verwaltung hat 2023 jede denkbare Fläche geprüft, vom Rudolphsplatz über die Biegenstraße bis zum Firmaneiplatz. Alle scheiterten, an der Größe, an Rettungswegen, am Busverkehr oder an der Statik. Im Magistratsbericht steht das Ergebnis mit Ausrufezeichen: Eine vergleichbare Fläche ist in der Innenstadt nicht vorhanden. Den Messeplatz lehnte der Magistrat ausdrücklich ab. Die Veranstalter haben angekündigt, das Fest ohne die Lahnwiesen zu beenden.

Zur Abstimmung steht also kein Umzug, sondern das Ende des Festes.

Was die Stadt 2023 über die Menschen schrieb

Der Bericht Schutz der Lahnauen beim Hafenfest vom Herbst 2023 beginnt nicht mit dem Boden, sondern mit den Menschen. Das Fest führe wie wenige andere Veranstaltungen Menschen aller sozialen Gruppen zusammen, vor allem Familien. Es erreiche gerade diejenigen, die andere, eher die Mittelschicht ansprechende Kulturangebote kaum nutzen. Es gehöre in die Mitte der Stadt. Eine Verlegung an den Stadtrand würde die Ausgrenzung dieser Gruppen durch Verdrängung verstärken.

Der Bericht nahm den Naturschutz dennoch ernst und handelte danach: Druckverteilerplatten, Abstände zu Gehölzen, ein Parkverbot im Vorland, Betriebszeiten bis 22 Uhr und die Verlegung schwerer Fahrgeschäfte. Das Vorgehen war mit dem Naturschutzbeirat abgestimmt.

Der aktuelle Antrag blendet das aus. Menschen kommen darin nur noch am Rand vor, der Magistratsbericht von 2023 bleibt unerwähnt. Getragen wird er vom Boden: Ein Fest im Jahr, hieß es aus dem Bauamt im Umweltausschuss, fresse zwanzig Jahre Naturfortschritt.

Dabei war der Festplatz jahrzehntelang Parkplatz, die Rasengittersteine liegen bis heute unter der Grasnarbe, die alte Verdichtung besteht fort. Eine Untersuchung der Universität konnte 2023 nicht klären, ob das Fest daran überhaupt etwas ändert. Der Magistrat hielt allenfalls punktuelle zusätzliche Verdichtung für naheliegend, unter einzelnen schweren Stützen. Weitere Untersuchungen mit der Universität hatte die Stadt damals zugesagt. Ob es Ergebnisse gibt, ist öffentlich nicht bekannt, und der Antrag nennt keine.

Der Weg des geringsten Widerstands

Seit der Wahl im März hat Marburg keine Mehrheit. Die Grünen haben im Mai als zweitstärkste Fraktion die Mehrheitsbildung an sich gezogen, das Linksbündnis ist im August gescheitert. Die Aufsichtsbehörde verlangt „umgehend“ Konsolidierung, und der Haushalt 2027 braucht eine Mehrheit, die niemand organisiert hat. Formal ist an dem Antrag nichts auszusetzen, er hat den üblichen Weg durch die Ausschüsse genommen.

Aber es fällt auf, was dieses Parlament beschließen kann und was nicht. Einen Haushalt zu sanieren und eine Koalition zu schmieden, ist mühsame Arbeit. Ein Fest von seiner Fläche zu nehmen, erledigt eine einzige Abstimmung. Ob es so gemeint ist oder nicht: Es erzeugt den Eindruck von Handlungsfähigkeit, wo sonst keine sichtbar ist.

Dahinter steht ein Muster, das über das Hafenfest hinausreicht. Die Stadt hat 2023 gezeigt, was Gestalten heißt: Schutzkonzepte, Auflagen, verlegte Fahrgeschäfte, Verhandlungen, Kompromisse mit den Schaustellern. Das ist Arbeit, und es bleibt ein Rest an Belastung.

Der Antrag der Grünen wählt den anderen Weg. Er beauftragt die Verwaltung mit einer Standortsuche, von der sie selbst festgestellt hat, dass sie ins Leere führt. Das ist der Weg des geringsten Widerstands, und er endet nicht in einer Lösung, sondern in der Abwicklung.

Der Boden hat ein Amt, die Vögel einen Verband, der Lärm eine Verordnung – und jedes dieser Anliegen wiegt schwer. Nur das bloße Zusammenkommen von Menschen hat keine Lobby im Gesetz. Risiken lassen sich parzellieren und verbieten. Doch für das, was ein Fest an Freude und Leben stiftet, ist kein Formular vorgesehen.

So verschiebt sich, was Lebensqualität heißt. Sie wird zunehmend als Abwesenheit definiert: kein Lärm, kein Müll, kein zertretenes Gras. Eine lebenswerte Stadt entsteht aber durch das, was da ist: Begegnung, Gedränge, auch Reibung. Wer eine Innenstadt nur noch danach bewertet, was dort nicht stört, bekommt am Ende eine ruhige Kulisse, in der nichts mehr stattfindet.

Eine Stadt wird nicht lebenswert durch das, was sie zulässt, sondern durch das, was sie sich leistet.

Dazu gehört der politische Mut, ein paar laute Tage im Mai, zertretenes Gras und Beschwerden auszuhalten, weil daraus etwas entsteht, das keine Behörde herstellen kann: eine Stadt, in der Menschen zusammenkommen.