Am 24. Oktober stand Audi-Chef Gernot Döllner in Perry, Georgia, auf der Wahlkampfbühne von Donald Trump. Trump verkündete das erste Audi-Werk in den USA: rund vier Milliarden Dollar, etwa 4.500 Arbeitsplätze, 200.000 SUV pro Jahr, Produktionsstart Anfang der 2030er. Döllner dankte, Handschlag, Jubel. Zehn Tage vor den Midterms.
Die Reaktionen in Deutschland kamen binnen Stunden. Die Linke fordert Döllners Rücktritt, VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo wirft dem Vorstand vor, sich zur „Marionette“ in Trumps Show machen zu lassen. Auf LinkedIn kursiert das Foto, rot übermalt mit „Verraten?“.
Über den Auftritt kann man streiten. Über das Werk sollte man es nüchterner tun. Und die Debatte selbst ist ein Symptom: Wir empören uns über das Bild der Anpassung, nachdem wir die Ursache zähneknirschend hingenommen haben.
Turnberry: Der Handschlag, der die Zölle brachte
Denn das erste Foto dieser Geschichte entstand nicht in Georgia, sondern im Juli 2025 auf Trumps Golfresort im schottischen Turnberry. Dort einigte sich EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit Trump auf einen Zollsatz von 15 Prozent, auch für Autos. Vor Trumps Amtsantritt lag er bei 2,5 Prozent.
Von der Leyen nannte das Ergebnis das Beste, was möglich gewesen sei. Die Kritik war damals laut, aber sie galt dem Inhalt: Ifo-Chef Clemens Fuest sprach von einer Demütigung, Frankreichs Premier François Bayrou von einer Unterwerfung Europas. Gestritten wurde über das Ergebnis, nicht über den Ort oder das Foto.
Die Stabilität, die der Deal versprach, kam nicht. Im Mai 2026 kündigte Trump 25 Prozent auf EU-Autos an. Audi, das jedes Fahrzeug für den US-Markt importiert, haben die Zölle allein 2025 rund 1,2 Milliarden Euro gekostet.
Das ist die Ausgangslage, in der Döllner entschieden hat. Sie wurde nicht in Ingolstadt gemacht, sondern in Turnberry, Brüssel und Washington.
Das Werk und die Bühne
Die Standortentscheidung ist betriebswirtschaftlich naheliegend, die Zollpolitik hat sie von einer Option zu einer Notwendigkeit gemacht. Die Bühne ist eine andere Frage. Natürlich hätte es andere Orte gegeben: das Weiße Haus, eine Pressekonferenz mit dem Gouverneur, ein Termin ohne Wahlkampfkulisse.
Aber nach Döllners eigener Aussage hat die Trump-Regierung Audi gebeten, das Werk auf der Kundgebung zu verkünden. Eine Bitte des Präsidenten auszuschlagen, wenn man für das eigene Werk und den eigenen Absatzmarkt auf das Wohlwollen dieser Regierung angewiesen ist, ist ein Risiko, das kein Vorstand leichtfertig eingeht.
Ein berechtigter Einwand bleibt trotzdem: Ein Konzernchef setzt damit die politische Neutralität seines Unternehmens aufs Spiel, und man kann ihm vorwerfen, das Risiko falsch gewichtet zu haben. Das Problem ist, was aus diesem Einwand wird, sobald er die Politik erreicht.
Pantisano: Empörung als Methode
Am deutlichsten wird es bei Luigi Pantisano, seit Juni Co-Vorsitzender der Linken. Er fordert Döllners Rücktritt, spricht von Wahlkampfhilfe für einen Autokraten und davon, man möchte vor Scham im Boden versinken.
Was fehlt, ist eine Antwort auf die Frage, die Döllner tatsächlich zu lösen hatte: Wie verkauft ein Konzern große SUV auf seinem wichtigsten Premiummarkt, wenn jedes Fahrzeug an der Grenze 15 bis 25 Prozent teurer wird?
Pantisanos Rezepte liegen woanders. Er will von Schließung bedrohte Autowerke vergesellschaften und Industriestrom und Förderung an langfristige Job- und Standortgarantien knüpfen.
Was im Netz daraus wird
Auf LinkedIn wird daraus Gewissheit. Ein Beispiel ist der Beitrag von Jan-Bernd Röllmann, Leiter des Stadtmarketings in Marburg. Er nennt den Auftritt ein „absolutes NoGo“, verlangt Haltung vom Land Niedersachsen und spricht Audi Werte und Integrität ab, solange Döllner den Konzern führt. Die Zölle, die hinter dem Werk stehen, tauchen bei ihm nur als Beleg für Trumps Unrecht auf, nicht als Problem, das ein Unternehmen lösen muss.
Eine Beobachtung am Rand: Stadtmarketing ist im Kern Standortwerbung, also der Versuch, Unternehmen davon zu überzeugen, dass sie in der eigenen Stadt gut aufgehoben sind. Gerade aus diesem Feld hätte man mehr Verständnis dafür erwartet, dass Unternehmen dorthin gehen, wo die Bedingungen stimmen. Haltung einzufordern ist leicht, solange man die Folgen nicht in einer Bilanz ausweisen muss.
Unternehmer müssen erklären, bevor andere deuten
Döllner hat Stellung bezogen, nur auf der falschen Bühne und vor dem falschen Publikum. In Georgia hat er Trump gedankt. Öffentlich in Deutschland eingeordnet hat er die Entscheidung erst, als die Empörung schon lief.
Das ist der eigentliche Fehler, und er betrifft nicht nur Audi. Wenn Unternehmer ihre Standortentscheidungen nicht selbst einordnen, tun es andere für sie, und zwar moralisch statt betriebswirtschaftlich. Dann wird aus einer Reaktion auf 15 bis 25 Prozent Zoll ein Verrat am Arbeiter in Neckarsulm.
Die Ursache dieser Entscheidung liegt in Turnberry, Brüssel und Washington, nicht in einem Handschlag in Perry. Wer auf seinem wichtigsten Premiummarkt dauerhaft mit Strafzöllen belegt wird, muss eben da bauen, wo die Kunden sind.
Wer das ausspricht, verteidigt nicht Trump. Er beschreibt, unter welchen Bedingungen Unternehmen heute entscheiden müssen. Das sollten Unternehmer selbst tun, laut und vor dem eigenen Publikum, bevor es die Pantisanos tun.